Fallakte: Travelers by Serendipity
Motivation und zwei Grundansichten
Ok ok, es ist der 29. September 2025 und das wird mein erster Eintrag in dieses digitale Tagebuch.
Mit meinem Ziel endlich mehr zu lesen, haben sich auf einmal viele Dinge für mich verändert.
Ich glaube, dass ich sehr stark ein Produkt meiner Zeit bin, indem mir lange Konzentration und damit verbundene mentale Klarheit schwerfallen oder manchmal sogar ganz fehlen. Mit diesen Einträgen will ich versuchen dem etwas entgegenzuwirken.
Für mich stehen diese Gedanken im Kontext zu zwei Ansichten, die ich zum Zeitpunkt dieses Eintrages verfolge.
Die erste etwas klarer zu verstehende Ansicht entnehme ich dem Buch „Geschichte der Architekturtheorie“.
In der Beschreibung des 19. Jahrhunderts und dem Unterpunkt „Die Gegenwart der Geschichte und die Aktualität des Stils“ beschreibt der Autor, wie Architektur als materialistisches Gedächtnis seiner Zeit dient. Für den englischen Kunstschriftsteller John Ruskin gibt es zwei große Eroberer der Vergesslichkeit von Menschen:„poetry and architecture“ - Poesie und Architektur. Die Vergesslichkeit der Menschen und das rücksichtslose Fortschreiten der Zeit sind beides Dinge, gegen die jeder Mensch machtlos scheint.
An zweiter Stelle steht für mich ein Konzept des „Spiritual War“. Aufgenommen habe ich dieses erstmals durch ein von Kanye West erschienenes Musikalbum „War“.
Zu diesem angekündigten Album sprach Kanye West in einem Interview über die Bedeutung des Titels bzw. des Albums. Hier legte er seine Auffassung dar, dass wir schon einem dritten Weltkrieg seien - ein dritter Weltkrieg als eine Art „digital mind war on perception“ - ein digitaler Krieg um Wahrnehmung innerhalb des Verstandes. Auch wenn mir die meisten Ansichten, Zuspitzungen und Dramatisierungen von Kanye West komplett widerstreben (und das ist wichtig zu erwähnen!), kann ich diesem etwas abgewinnen.
Diese Variante eines „spiritual war“ ist eine stark moderne Interpretation dieses Gesamtkomplexes. Desto mehr ich mich nun mit diesem Thema auseinandersetzte, umso mehr lernte ich andere Interpretationsansötze kennen. Dazu zählen zum Beispiel Ansätze von Mahad Ma´Ghandi und dem islamischen Propheten Mohammad, welche beide einen inneren Krieg mit sich selber beschreiben. Dieser innere Krieg als etwas, dass man alleine gegen sich selber führt, um gut und rechtschaffend zu handeln.
Mahammed beschreibt zum Beispiel, man müsse zuerst einen Dschihad (Glaubenskrieg) gegen sein eigenes Ego führen (Dschihad an-nafs), um gegen Hochmut, Gier und Neid moralisch und spirituell wachsen zu können und das eigene Herz zu reinigen.
Ich denke hier stehen zeitlose Ansichten, die für alle Zeit in der Natur des Menschen bestehen bleiben werden.
Trotzdem glaube ich, das Kanye West auch eine wichtige Perspektive benennt, denn meiner Meinung nach unterscheidet sich unsere neue Zeit radikal von früheren.
Ich denke, ein guter Vergleich ist der Buchdruck.
Ähnlich wie bei der Erfindung des Buchdruckes, hat sich vor einiger Zeit die Wahrnehmung der Öffentlichkeit stark verändert. Als der Buchdruck mit seinen neuen Technologien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde, konnte sich plötzlich jedermann, der lesen konnte, sein eigenes Bild über die von ihm erlebte Realität machen. Die Übersetzung der Bibel, sowie das Aufkommen aller möglichen Schriften führten nun dazu, dass sich immer weniger Leute auf die zuvor erzählten Geschichten, vorranig der Kirche, einigten.
Genau dieses „Einigen“ auf Geschichten bzw. Erzählungen ist der Hauptpunkt von öffentlicher Wahrnehmung. Während vor dem Buchdruck und der Übersetzung der Bibel die katholische Kirche eine Art Monopol auf diese Geschichtenerzählung bzw. auf die öffentliche Wahrnehmung der Realität hatte, hatte es nach dem Buchdruck plötzlich jeder, der lesen konnte. Diese und weitere Faktoren führten im Laufe des nächsten Jahrhunderts zwangsläufig zu unglaublich brutalen Bauernkriegen und dem 30 jährigem Krieg. Vor allem der 30 jährige Krieg sollte dann die politische und gesellschaftliche Landkarte für immer verändern.
Wenn auch noch nicht ganz so dramatisch, stehen wir meiner Ansicht nach gefährlich nahe an einer ähnlichen Kausalkette. In die Rolle des Buchdruckes könnten die Einflüsse der sozialen Medien fallen. Das Internet, sowie die darin enthaltenen sozialen Medien haben schon seit geraumer Zeit einen außerordentlichen Einfuss auf unsere Wahrnehmung, welcher nur zu steigen scheint. Meiner Ansicht nach gefährlich hieran ist, dass diese immer dominanter werdende Stellung in der Hand einiger weniger liegt. Es ist nicht der Buchdruck, der der Öffentlichkeit zugänglich wurde, es ist die Möglichkeit nur das zu drucken, was man selber möchte. Im Grunde als ob die katholische Kirche selber den Buchdruck erfunden hätte. Heute sind es riesige Tech-Unternehmen, die eine Art Buchdruck erfinden.
Nun sind wir noch nicht ganz an dieser Stelle angekommen und zum Glück gibt es noch zutreffende Anti-Monopol Gesetze und staatliche, wie gesellschaftliche Gegenbewegungen. Dennoch besteht Grund zur Sorgen, dass es einmal so laufen könnte.
Reflektionen über meinen sportlichen Werdegang
Ich möchte anfangen mit einem Vergleich zu einem der schönsten Bücher, das ich in meiner derzeitigen Bibliothek besitze.
In seinem Buch „Geschichte eines Deutschen“ schreibt Sebastian Haffner über seine Erinnerungen von 1914-1933. Sebastian Haffner ist 1907 geboren und beschreibt daher vor allem seine Kindheit und Jugend, sowie sein stetiges Heranwachsen, bis hin zur Auswanderung ins Exil nach England.
Genau zu diesen Zeiten der Kindheit, Jugend und des Heranwachsens finden die Höhepunkte meiner bisherigen Sportlerkarriere statt.
In seinem Buch beschreibt Haffner, wie es für ihn eine Zeit gab, in der der Sport eine zentrale Rolle in seinem Leben einnimmt.
Das Ende des ersten Weltkrieges und der Übergang in die Weimarer Republik, bedeuteten für Haffner nicht endlich einkehrender Friede, sondern den Wegfall eines großen persönlichen Spieles. Für den damals 11 Jährigen war der erste Weltkrieg wie ein großes Schachspiel, das er 4 Jahre lang täglich verfolgte und welchem er seine ganze Aufmerksamkeit widmete. Der Wegfall dieses Spiels und die plötzlich spürbare innere Leere, zwang ihn und viele andere auf die Suche nach neuen Herausforderungen. Hier beschreibt Haffner nun, wie für ihn der Sport immer weiter an Bedeutung gewinnt und mehr und mehr diese Rolle einzunehmen scheint.
Er schreibt:
„Es ist der letzte große Deutsche Massenwahn, dem ich selbst miterlegen bin. Zwei Jahre lang stand mein geistiges Leben fast still, und ich trainierte verbissen Mittel- und Langstreckenlauf und hätte meine Seele unbedenklich dem Teufel dafür verkauft, ein einziges Mal 800 Meter unter 2 Minuten zu laufen. Ich ging zu jedem Sportfest, ich kannte jeden Läufer und die beste Zeit, die er laufen konnte, nicht zu reden von der Liste der deutschen und Weltrekorde, die ich im Schlafe hätte herunterschnurren können. Die Sportberichte spielten eine Rolle wie vor zehn Jahren die Heeresberichte, und was damals Gefangenenzahlen und Beuteziffern gewesen waren, das waren jetzt Rekorde und Rennzeiten.“ (S.72-73)
Ich kann diesen Wahn sehr gut nachvollziehen. Der Sport als eine unabhängige, nicht wertende Welt, ausgelegt auf Praxis und Leistung.
Es zeigt eine Welt, die nach eigenen Maßstäben verläuft und sich deutlich vom restlichen Alltag unterscheidet. Noch heute bietet genau diese Andersartigkeit eine große Anziehungskraft auf mich.
Innerhalb eines Wettbewerbes, in Konkurrenz mit anderen, sein bestes zu geben, ist ein unglaublich erfüllendes Gefühl. Dennoch sah ich schon früh die Grenzen dieser Lustspiele.
Anders als Haffner, bin ich schon früh in diese Konkurrenzwelten eingetreten. Meine Einschulung brachte mir eine Phase des Ausprobierens aller möglichen Sportarten und öffnete mein Bewusstsein für die Welt des Sportes. Anfang der zweiten Klasse landete ich dann zufällig beim Rugbysport, was für mich einiges verändern sollte. Im Laufe der Zeit begann ich Spiel für Spiel, Punkt um Punkt immer mehr Einsatzbereitschaft für meine Mannschaft zu entwickeln. Sport wurde für mich immer wichtiger. Ob ich nun gut in der Schule war, wurde für mich spätestens nach dem Wechsel auf eine neue Schule zweitrangig. Ob ich Freunde außerhalb des Sportes hatte, war für mich immer unwichtiger. Sogar die Verbindung zu meiner Mutter, die mich unterstützte, zu Turnieren fuhr und mir half, Teil eines funktionierenden Teams zu sein, empfand ich phasenweise eher als Belastung denn als wirkliche Hilfe. Sport wurde für mich mehr als nur ein beliebiger Zeitvertreib.
Rückblickend glaube ich, dass ich Sport früh dazu nutzte, mir meine eigene Welt zu schaffen. Der Kampf im Spiel bedeutete für mich gleichzeitig Loslassen und Kontrolle. Bekam ich Probleme in der Schule, oder wurden Dinge zuhause schwierig, bewältigte ich diese im Sport. Gab es mal wieder größere Gefühlsausbrüche oder andere pubertäre Erscheinungen, nutzte ich diese bewusst und ging oft über meine Grenzen hinaus. Der Sport gab mir Halt und ich sah mich immer mehr in der Verantwortung mein bestes zu geben. Allumfassend wurde Sport für mich zu einer Lebensauffassung, die mir das Gefühl gab an einer wichtigen Aufgabe zu arbeiten.
Einige Zeit blieb das so und ich schöpfte Kraft aus dieser anderen Welt. Doch es kam, wie es kommen musste und ich begann auch daran zu Zweifeln.
Paradoxerweise veränderte sich mein Verhältnis zum Sport erneut mit dem Weg zu größeren Errungenschaften. Alte Werte und Beweggründe meiner Begeisterung für den Sport begannen für mich zu verblassen, während neue Motive an ihre Stelle traten. Sport blieb für mich weiterhin ein Halt, vor allem durch Routine und Disziplin. Nun ging es aber zunehmend um andere Dinge, vor allem darum größer, besser, stärker zu werden - nicht aus Überzeugung, sondern einfach aus Selbstzweck.
Im Grunde, muss man sagen, war das schon immer der Kern des Sportes und auch meiner Faszination. Die Verschiebung körperlicher Grenzen in das unendliche und gegen mentale Widerstände war Immer der Kern. Früher jedoch verband ich diesen Kern als Mittel zur Verwirklichung anderer Erfolge. Das Gefühl, an etwas Sinnenhaftem zu arbeiten, bildete für mich die Grundessenz meiner Faszination für den Sport. Das Trainieren in der Nationalmannschaft und die damit verbundene Steigerung einfach nur um ihrer Selbst willen, ergab für mich keinen Sinn mehr und hinderte mich an eigentlicher Motivation.
Auch Haffner beschreibt später, wie er und viele andere die „Sportkrankheit“, wie er es ausdrückt „überwinden“:
„Zu einem längeren Leben fehlte ihr die Vorstellung von dem, was im Kriege „der Endsieg“ gewesen war: ein Ziel und ein Ende. Es war im Grunde immer dasselbe: dieselben Namen, dieselben Zahlen die selben Sensationen. Es konnte endlos so weiter gehen. Aber es konnte nicht endlos die Phantasie beschäftigen.“
Das kam für mich dazu. Ich hatte keine klare Vorstellung mehr, von dem, was mir denn eine lange Sportlerkarriere eigentlich geben sollte. Anders als bei Haffner und den meisten Sportbegeisterten ging es mir nicht viel um die Sportart selbst. Ich hatte nie ein großes sportliches Vorbild, nie einen Lieblingsspieler oder eine Lieblingsmannschaft. Es ging mir vielmehr darum, was sie in mir und meinen Mitspielern auslöste und was wir damit erschaffen könnten. Relativ egozentrisch aus dem Gefühl heraus, an etwas größerem zu Arbeiten.
Jugendlicher Leichtsinn und vorherige Arbeit gaben mir sportliche Erfolge in Deutschland, Frankreich, Japan, Namibia, Dubai und Australien. Spätere Ahnungslosigkeit über meine eigentliche Aufgabe und dem Sinn dieses Weges, brachten mir Depressionen und Verletzungen.
Heute glaube ich dennoch, eine Antwort auf die damals oft gestellte Frage zu haben, warum ich mich gegen den scheinbar vorgezeichneten Weg einer professionellen Sportlerkarriere entschieden habe: Ich hatte kein Ziel mehr vor Augen. So dumm es auch klingen mag, aber was war ein weiteres Turnier, was war ein weiterer sportlicher Erfolg, eine weitere Bestzeit, entgegen dem, was in mir selbst und vor allem meiner Umwelt passierte.
Die letzten Monaten, die ich noch als eine Art "Profi" verbrachte, zeigten mir diese Ansichten immer klarer. Ich verletzte mich und saß nun alleine in einer fremden Stadt, umgeben von fremden Menschen, die sich nur dafür interessierten, wann ich denn wieder die nächste Bestzeit laufen könne oder das nächste Turnier antreten würde.
Die Frage nach einem Sinn des Ganzen wurde nie beantworten, nicht einmal gestellt. Wahrscheinlich lag es an mir, aber nun erkannte ich keinerlei Nutzen mehr in dieser Welt, welche ich so mühselig aufgebaut hatte.
Alles in allem bin ich dennoch sehr sehr dankbar für diese Einblicke in eine Welt, die abseits steht von "normalen" gesellschaftlichen Grundsätzen und Ordnungen. Sie machte mich zu dem, wer ich heute bin und ich glaube immer noch viel aus diesen Zeiten lernen zu können, von den guten, wie von den schlechten.
Mit meinen 22 Jahren ist meine sportliche Laufbahn nicht beendet. Sport ist weiterhin ein fester Bestandteil meiner Identität, doch mein Verhältnis zu ihm hat sich verändert. Ich suche nicht mehr nach Flucht oder Ersatzsinn, sondern nach einem bewussten Umgang. Ich habe noch keine größere Vorstellung wie dieser wirklich aussehe, aber einen solchen zu finden, wird eine Aufgabe meiner kommenden Jahre.
Steve Jobs’ 2005 Stanford Commencement Address
„Remembering that I will be dead soon is the most important tool I’ve ever encountered to help me make the big choices in life.
Because almost everything, all external expectations, all pride, all fear of embarrassment or failure - these things just fall away in the face of death, leaving only what is truly important.
Remembering that you are going to die is the best way I know to avoid the trap of thinking you have something to lose.
You are already naked. There is no reason not to follow your heart. (…)
Death is the destination we all share. No one has ever escaped it. And that is as it should be, because death is very likely the single best invention of life. It is life’s change agent. It clears out the old to make way for the new.
Right know the new is you, but someday not long from now, you will gradually become the old and be cleared away. (…)
Your time is limited, so don’t waste it living someone else’s life.
Don’t be trapped be dogma, which is living with the results of other people’s thinking. Don’t let the voice of others’ opinions drown your own inner voice And most important, have the courage to follow your heart and intuition. They somehow already know what your want to become.
Everything else is secondary.“
Stay hungry. Stay foolish.
- Steve Jobs’ 2005 Stanford Commencement Address